Am 21. September, dem Weltfriedenstag, richten wir unseren Blick erneut auf die Grundwerte, die seit Jahrhunderten aus den Quellen des Islams hervorgehen und zugleich universalen Charakter tragen. Bereits hatte die Hizmet-Bewegung im Jahr 2021 ihre Grundwerte der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Werte, die aus dem Wesen des Islams, aus der reichen anatolischen Kultur und aus dem gemeinsamen Gewissen der Menschheit erwachsen sind und in Millionen von Herzen Widerhall fanden. Die Erklärung von 2021 bestand aus zwölf Punkten. Zwölf Prinzipien, die sich inhaltlich auf einer Ebene mit vielen internationalen Wertetexten bewegen und teils sogar eine inspirierende Tiefe entfalten, die andere Schriften bereichern könnte. Mit dieser Erklärung eröffnete die seit Jahrzehnten bestehende Bewegung zugleich eine neue Dimension.
Freiwillige, Weggefährten und kritische Beobachter – sowohl innerhalb als auch außerhalb der islamischen Welt, in westlichen Ländern ebenso wie im fernen Asien – stellten Fragen: Woher stammen diese Werte? Sind sie wirklich aus dem Qur’an, aus der Sunna, aus der Überlieferung der Altvorderen abgeleitet?
Auf diese berechtigten Fragen hin haben die AfSV, das WISE-Institut und die Islamische Akademie für Bildung und Gesellschaft in Deutschland eine gemeinsame Forschungsarbeit unternommen. Dutzende Gelehrte und Wissenschaftler kamen zusammen und erarbeiteten die in türkischer Sprache vollständig und in englischer Sprache vorläufig zusammengefasste Deklaration.
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Heute, im Jahr 2025, gehen wir einen neuen Schritt. Eine umfassende Deklaration wird präsentiert, die aufzeigt, dass Werte wie Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Transparenz und Respekt vor der Menschenwürde in den Fundamenten des Islams verankert sind. Diese aus dem Wesen des Islams genährten Werte sind unsere leitenden Prinzipien, die der gemeinsamen Zukunft der Menschheit dienen. Wie es der verehrte Hodscha-Efendi Fethullah Gülen ausdrückte, werden sie einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung einer lebenswerteren Welt leisten.
Fragen und Antworten aus der Präsentation:
Kemal Gülen: Herr Aslandoğan, die Deklaration der Grundwerte von Hizmet wurde, wie Sie sagten, am Weltfriedenstag 2021 veröffentlicht. Warum bestand ein solches Bedürfnis, und was bedeutete sie?
Alp Aslandoğan: Die Hizmet-Bewegung war durch ihre Aktivitäten – Schulen, Dialoginitiativen und vieles mehr – sowohl in der Türkei als auch weltweit auf den Radar geraten. Doch wurde sie zumeist von anderen beschrieben. Es fehlte die Selbstbeschreibung: Wer sind wir, wie definieren sich die Menschen innerhalb dieser Bewegung selbst? Dafür bestand ein Bedarf. Diese Arbeit wurde aus diesem Grund gemacht, und mit diesen Werten wurde auch eine Botschaft gegeben: Ja, wir sind Muslime, wir stammen aus einer bestimmten Region, aber diese Werte – die universalen Werte – teilen wir ebenfalls. Und mehr noch: Wir finden ihre Quellen in den islamischen Quellen. Das bedeutet, dass es universale Werte gibt, auf die wir uns gemeinsam beziehen können, unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. Wir glauben daran, und wir sehen es in der Praxis: Dass die Schulen der Hizmet in so vielen Regionen der Welt angenommen werden, dass die Dialoginitiativen und humanitären Dienste angenommen werden – all dies zeigt, dass diese universalen Werte tatsächlich geteilt werden. Natürlich darf man nicht vergessen, dass die Werte der Mitglieder und Teilnehmer der Hizmet-Bewegung nicht auf diese zwölf Punkte beschränkt sind. Es gibt selbstverständlich weit mehr islamische und menschliche Werte. Doch in dieser Sammlung ging es darum, die minimalen Bedingungen hervorzuheben, die wir als zivilgesellschaftliche Bewegung erwarten: Denn Hizmet ist sowohl religiös als auch menschlich, sie umfasst die gesamte Menschheit. Sie ist einerseits ein Dienst an die Menschheit, andererseits ein offenes Angebot an alle. Daher wurden diese objektiven zwölf Werte hervorgehoben. Gleichzeitig wurden darin auch Hinweise auf weitere Werte gegeben. Wenn wir etwa von einer friedlichen, einer rechtsstaatlichen und einer moralischen Bewegung sprechen, dann sind damit viele weitere moralische Prinzipien implizit angesprochen.
Kemal Gülen: Lassen Sie uns nun diese Punkte noch einmal in Erinnerung rufen.
– Respekt vor dem – Menschen und den grundlegenden Menschenrechten
– Rechtsstaatlichkeit
– Friedliches und konstruktives Handeln
– Empowerment von Frauen
– Ethisches Handeln
– Respekt vor Vielfalt, Pluralismus
– Freiwilligkeit
– Beratung und Erfahrungsaustausch
– Zivilgesellschaftlichkeit, Unabhängigkeit
– Ziviles Engagement und Teilhabe
– Umweltschutz
– Ganzheitlicher Blick auf den Menschen und Einheit von Geist und Herz
Kemal Gülen: Sie sind, wie diese Werte benannt wurden, zusammengekommen, an jenem Tag sind Wissenschaftler zusammengekommen und haben dann daran gearbeitet, oder?
Alp Aslandoğan: Diese Wertearbeit war etwas, das sich über eine bestimmte Zeit erstreckte. Eigentlich reicht der Beginn bis ins Jahr 2014 zurück. Die Frage damals war: Wie beschreibt sich die Hizmet-Bewegung selbst, was sind ihre Ziele?
Und während man diese Ziele zu erreichen suchte, stellte sich auch die Frage nach den Werten, die etwaigen Aktivitäten zugrunde liegen. Mit einer kleinen öffentlichen Umfrage innerhalb der Hizmet-Gemeinschaft begann 2014 die Arbeit zur Festlegung dieser Werte. Später wurden Kommentare von über tausend unserer Freunde aus verschiedenen Teilen der Welt eingeholt. Unter ihnen waren nicht nur Akademiker, sondern auch Freunde der Bewegung. Ebenso Sozialwissenschaftler, Experten aus anderen Bereichen, zivilgesellschaftliche Führer und religiöse Autoritäten. Alle diese Rückmeldungen wurden von einem Gremium ausgewertet. Diese Arbeit dauerte etwa drei Jahre, und im Jahr 2021 wurde das entstandene Dokument veröffentlicht.
Wir stellten fest, dass wir sowohl von unseren Freunden innerhalb der Bewegung als auch von außen sehr viele positive Rückmeldungen erhielten. Besonders bewegte mich eine wiederholt geäußerte Aussage unserer Freunde: “Wir haben diese Werte schon in eurem gelebten Alltag gesehen. Dieses Wertedokument hat uns daher nicht überrascht.” Mehrere Personen sagten das unabhängig voneinander. “Es überrascht uns nicht, aber dass ihr es schriftlich festgehalten und öffentlich bekanntgemacht habt, ist sehr wichtig und sehr wertvoll.”
Kemal Gülen: Was war die Haltung von Hocaefendi während zu dieser Arbeit?
Alp Aslandoğan: Im Rahmen der allgemeinen Vorstellung der Hizmet-Bewegung haben wir auch diese Wertearbeit stets in Rücksprache mit Hodscha-Efendi und unter Einholung seiner Kommentare durchgeführt. Von Beginn an unterstützte er dieses Vorhaben. Als es eine gewisse Reife erreicht hatte, wurde es ihm zweimal offiziell vorgelegt, und beide Male äußerte er große Wertschätzung: “Das ist eine hoffnungsvolle, schöne Arbeit geworden. Möge der Heilig-Wahrhaftige die Bemühungen derjenigen, die daran mitgewirkt haben, belohnen.”
Er sprach also von Anfang an seine Anerkennung aus und freute sich besonders darüber, dass die Kommentare und Rückmeldungen weltweit positiv aufgenommen wurden.
Kemal Gülen: Nun, warum entstand das Bedürfnis, die zwölf Punkte zu erläutern und ihre Quellen zu bestimmen? Was hat euch dazu veranlasst?
Alp Aslandoğan: Die ersten Entwürfe dieser Arbeit entstanden durch Beiträge unserer Freunde, teils in den USA, teils in Europa. Nachdem diese Entwürfe zusammengeführt waren, begannen wir sowohl innerhalb der Bewegung als auch von außen Kommentare einzuholen. Dabei erhielten wir unabhängig voneinander von drei Freunden denselben Hinweis.
Einer von ihnen war – leider bereits verstorben – der frühere Direktor des Parliament of the World’s Religions, Herr Dirk Ficca. Ein weiterer war der heute noch lebende Dr. Philip Clayton. Und der dritte war ein Fachmann, ein Experte für Zivilgesellschaft. Alle drei sagten dasselbe: “Diese Werte haben wir ohnehin schon bei euch gesehen. Aber ihr als Muslime sagt, dass ihr sie verinnerlicht und aus islamischen Quellen abgeleitet habt. Nun gibt es Menschen, die glauben, dass Muslime sich solche Werte nicht wirklich zu eigen machen können. Manche meinen sogar, diese Werte stünden im Widerspruch zum Wesen des Islams. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr die islamischen Quellen dieser Werte offenlegt.”
Als drei verschiedene Personen unabhängig voneinander dasselbe äußerten, wurde uns sofort klar, dass wir beim Erarbeiten der Werte auch ihre islamischen Quellen darlegen mussten. So begann gleichzeitig auch diese Arbeit. Mit anderen Worten: Als im Jahr 2021 die Erklärung erfolgte, hatte der Prozess mit den islamischen Quellen bereits seinen Anfang genommen.
Alp Aslandoğan, geschäftsführende Direktor der Alliance for Shared Values.
Kemal Gülen: Wir sprechen über die Quellen dieser Werte. Was sind diese Quellen, welche islamischen Quellen sind das? Also Q̣ur’ān, Sunna, Idschmāʿ, Umma – was ist zu sagen, wenn wir das in diesem Rahmen behandeln?
Ahmet Kurucan: Wenn ich da anknüpfe, wo Herr Alp aufgehört hat, kann ich Folgendes sagen: Ja, einerseits fragen uns Muslime nach den Quellen dieser Werte, andererseits stellten aber auch Nichtmuslime, also nichtmuslimische Menschen, dieselbe Frage nach den Quellen dieser Werte. Warum? Weil sie dachten, dass diese von uns gezeigte Leistung nur auf die Lehren und das Leben des Hodscha-Efendi beschränkt sei.
“Nun gut, der Hodscha-Efendi – möge Allah ihm ein langes Leben geben – aber nachdem er verstorben ist, woher sollen wir wissen, dass ihr euch weiterhin so verhalten werdet? Was ist, wenn ihr euch in eine extreme Richtung bewegt, wenn ihr einen Weg einschlagt, wenn ihr radikal werdet?”, so hatten sie gesagt. Auch ist es in dieser Hinsicht wichtig.
Wir antworteten ihnen: “Nein; zwar befinden wir uns aufgrund der Auslegungen von Hodscha-Efendi in einem solchen System, aber die Quellen dieser Dinge sind unser Glaube, nämlich die Verse des Qur’ān und die Hādithe.
Hodscha-Efendi hatte zwei grundlegende Eigenschaften, nicht wahr?
Eine davon war seine Identität als islamischer Gelehrter; die andere war, dass er die von ihm hervorgebrachten Auslegungen auch ins Leben trug, also seine aktive, handlungsorientierte Identität.
Wir mussten unbedingt zeigen, dass die von ihm als islamischer Gelehrter hervorgebrachten Auslegungen nicht nur ihm allein vorbehalten waren, sondern dass sie seit alters her sowohl im Qur’ān als auch in der Sunna verankert sind und dass er ein Glied in der Kette der islamischen Gelehrsamkeit war. Genau dies war ja auch die Erwartung, und er hat versucht, dem gerecht zu werden.
Nun zu Ihrer Frage: Ja, was war in der hier hervorgebrachten Arbeit enthalten? Zunächst wurde eine Einführung gemacht, danach haben wir – im Anschluss an die erwähnten Werte – drei oder vier Verse aus dem Qur’ān in ihrer markantesten Form mitsamt den Auslegungen niedergeschrieben. Und wissen Sie von wem wir diese Auslegungen genommen haben? Von den Klassikern bis in die Gegenwart – von aṭ-Ṭabarī bis hin zu Bediüzzamān, bis hin zu Elmalılı – und zwar in einer chronologischen Reihenfolge. So konnten wir aufzeigen, wie diese Verste im dritten islamischen Jahrhundert so, im fünften Jahrhundert so usw. ausgelegt wurden, mit Angabe der Quelle, des Lebensortes, des jeweiligen soziokulturellen Umfelds. Ja, es war sehr wichtig, diese Kontinuität aufzuzeigen. Wir führten das bis zum Hodscha-Efendi fort, aber – wie gesagt – nicht in Sinne von, “der Qur’ān sagt dies, und der Hodscha-Efendi sagt das”, sondern: “Der Qur’ān sagt dies, und seit alters her sagt auch die Gelehrtenschaft dasselbe.”
Als diese Werte veröffentlicht wurden, hatte man uns gesagt: “Ihr habt eine sehr säkulare Sprache verwendet. Was soll das heißen: gesellschaftliche Partizipation, zivilgesellschaftliches Engagement?” Ja, es wurde eine moderne Sprache verwendet, aber unter dieser modernen Sprache lag ein sehr tiefer Bezug auf die Verse, die Hādithe und die Ansichten der klassischen islamischen Gelehrten.
Kemal Gülen: Warum haben Sie so einen Weg gewählt? Warum haben Sie darunter nicht direkt angegeben: “Sure an-Naḥl, diese Stelle”?
Ahmet Kurucan: Weil wir Kinder des Jahres 2021 sind. Denn wir sprechen Menschen an, die im Jahr 2021 leben, An wen richten wir uns denn? Zudem sind wir n der ganzen Welt verbreitet, deshalb waren wir gezwungen, eine Sprache zu benutzen, die gesellschaftliche Resonanz hat. Deswegen haben wir diese Sprache gewählt. Aber in jedem einzelnen dieser Worte, in jedem einzelnen Satz, der dort verwendet wurde, steckt ein Vers, ein Ḥadīth – und genau das haben wir mit dieser Arbeit deutlich gemacht.
Als Zweites: die Edlen Hādithe: Dasselbe findet sich bei unserem Ehrenwerten Gesandten. Wir haben zwei oder drei Edle Ḥadīthe genommen und sie kommentiert. Danach haben wir die Ansichten der klassischen islamischen Gelehrten bis in die Gegenwart herangezogen. So wollten wir zeigen, dass es sich hierbei nicht – wie man sagt – um eine zufällig entstandene, von Hodscha-Efendi allein hervorgebrachte Idee handelt, nicht um einen Wert, der aus dem Nichts entstanden ist, sondern um etwas, das sehr tiefe Wurzeln hat. Mit dieser Arbeit wollten wir diese Kontinuität aufzeigen.
Kemal Gülen: Nun, es gibt zwar seit 1500 Jahren schriftliche Dokumente, aber mehrheitlich wurden solche Dinge mündlich weitergegeben. Solche Arbeiten, die in die moderne Welt hineinsprechen, sind von islamischen Gemeinschaften bisher nicht erstellt worden. Vielleicht ist die Hizmet-Bewegung in diesem Sinne das erste Mal, dass so etwas gemacht wird. Zum ersten Mal wird eine solche Arbeit gemacht, die sich auch anderen Religionen und Kulturen erklären kann.
Ahmet Kurucan: Wie soll ich es ausdrücken? Aus muslimischer Perspektive betrachtet: Schauen Sie, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 veröffentlicht – stellen Sie die einmal beiseite. Eine ähnliche Erklärung, in einer Sprache, die Muslime oder gar die Menschheit in unserer Zeit ansprechen könnte, konnten wir Muslime erst 1990 in Kairo nach langen Beratungen veröffentlichen. Ja, wir sind als Muslime in diesen Angelegenheiten leider, leider etwas zurückgeblieben,. Aber ich kann ohne Weiteres sagen, dass die Hizmet-Bewegung diesen Rückstand mit dieser Arbeit überwunden hat.
Alp Aslandoğan: Wenn unsere Freunde diese Arbeit betrachten, müssen sie Folgendes im Kopf behalten: Jedes dieser Werte, jede dieser Quellen, ihre islamischen Ursprünge – all das sind hochwichtige Angelegenheiten. Diese Angelegenheiten sind natürlich von Muslimen in der Geschichte diskutiert, erforscht und dokumentiert worden. Man findet sie in den Arbeiten muslimischer Gelehrter oder bei Wissenschaftlern, die eine islamische Identität haben. Behandelt worden sind Themen wie Demokratie, demokratische Kultur und ihre Übereinstimmung bzw. Uneinigkeit mit islamischen Werten, mit Qur’ān und Sunna. Das Thema Menschenwürde, der als ein von Allah an alle Menschen zukommender Wert, dass man dementsprechend handeln musd; das Thema Recht, das Thema positives Handeln – all das wurde in der Literatur besprochen. Der Unterschied dieser Arbeit Aber liegt im Folgenden: Die Hizmet-Bewegung versteht dies nicht nur als intellektuelle Abhandlung, sondern sagt als eine in der Welt tätige Bewegung, die aus Muslimen besteht, die offen für die Menschheit ist, muslimisch und zugleich humanistisch handelt: “Dies sind unsere Prinzipien”, und erklärt ihre islamischen Quellen. Das heißt, dass durch den besonderen Akteur, der diese Arbeit verfasst und veröffentlicht, auch die Arbeit selbst eine besondere Bedeutung erhält.
Ahmet Kurucan: Und außerdem werden Sie unter jedem einzelnen dieser Werte zusätzliche Referenzen finden. Im Qur’ān haben wir drei Verse kommentiert, aber unten haben wir mindestens zehn weitere einschlägige Verse aufgeführt. Zudem haben wir aus den Edlen Hādithen drei kommentiert und mindestens sieben oder acht weitere, die denselben Wert in anderer Form hervorheben und unsere Fundierung dieses Wertes untermauern, hinzugefügt. Ich persönlich halte das für sehr wichtig.
Ahmet Kurucan, Islamischer Theologe und Schriftsteller
Kemal Gülen: Ich werde nun unseren Hamdullah Öztürk fragen, denn diese Arbeit ist bestimmt nicht von heut auf morgen erstellt worden. Wir haben ja stückweise darüber gesprochen. Es erfordert einen ernsthaften Blick des Glaubens, es erfordert eine professionelle Methode. Die Einzelheiten werden wir nun von Bruder Hamdullah hören.
Bruder Hamdullah, welche Methode haben Sie angewandt? Bruder Ahmet hat bereits hier und da Hinweise gegeben, aber dies ist eine sehr wichtige Arbeit. Ich betone ihre Bedeutung aus folgendem Grund: Es handelt sich nicht um eine Arbeit, die heute gemacht und in dieser Woche verbraucht wird. Vielleicht wird sie Hunderte von Jahren Bestand haben. Es werden Ergänzungen und Streichungen vorgenommen werden, aber da sie ein Grundstein ist, erscheint sie mir wie ein sehr wichtiger Wendepunkt. Deshalb muss in ihr auch eine wissenschaftliche Methode angewandt worden sein.
Hamdullah Öztürk: Wenn wir historisch etwas weiter zurückgehen, dann sind diese Werte des Hizmet die Dinge, die die Praxis hervorgebracht hat. Das praktische Leben hat uns gesagt, dass wir sie brauchen, und so haben wir sie entwickelt. Aber eines Tages im Jahr 1992, oben bei den Yamanlar, sagte der Hodscha-Efendi im Unterricht: „Wenn ihr eure Hizmet nicht mit den religiösen Quellen begründet, werden sie euch über die Religion angreifen.“
Hizmet tat etwas, das im Vergleich zum damaligen islamischen Verständnis sehr weit voraus war, und das wurde befremdlich aufgenommen bzw. kritisiert. Ahmet Kurucan hat ja auch darauf hingewiesen – solche Dinge werden kritisiert. Aber warum tun wir das? Unter welchem Einfluss tun wir das? Wenn man den verehrten Meister Bediüzzamān und den Hodscha-Efendi betrachtet, sieht man, dass sie die islamischen Quellen gelesen, verstanden und gelebt haben. Mehr noch: Sie haben die Ergebnisse in ihrem persönlichen Leben erfahren und sich selbst dadurch überzeugt. Dann haben sie es der Öffentlichkeit eröffnet, den Menschen zugänglich gemacht. Wir haben von dieser Öffnung profitiert, wir haben etwas beim Hodscha-Efendi gesehen. Nun, das, was wir beim Hodscha-Efendi gesehen haben, ist aus der Sicht der Quellen der Religion tatsächlich bewiesen. Es sind mit voller Gewissheit gelebte Angelegenheiten. Deshalb werden Menschen wie der Hodscha-Efendi und der Meister Bediüzzamān zu den Trägern dieser Werte. Diese Werte zeigen, was für ein Mensch entsteht, wenn man sie im Leben verwirklicht. Dieser Mensch führt uns nun an, und wir handeln unter seiner Führung. Wir vertrauen so sehr, dass wir nicht hinterfragen, wir fragen nicht nach der Quelle, wir sagen nicht „Woher kommt das?“. Wir tun es einfach, und dann zeigen sich die Ergebnisse. Und wenn die Ergebnisse kommen, sehen wir tatsächlich – bildlich gesprochen – dass das System des Universums wie dazu eingerichtet ist, euch zu tragen, alles hilft euch. Denn das Universum beruht ja auf gegenseitiger Hilfe, und man sieht, dass es mithilft.
Das erregt auch die Aufmerksamkeit anderer. Sei es aus Neid, sei es aus Neugier – die Menschen interessieren sich dafür. So sieht man also die Dimensionen, die entstehen, wenn eine Angelegenheit, die im Leben eines Einzelnen bewiesen ist, zu einer Bewegung wird. Und man kommt zurück zu der Frage nach ihren Quellen: Aus welchen Quellen stammt dies eigentlich? Man macht also nichts Theoretisches. Man kehrt vielmehr zu den Quellen einer Sache zurück, die praktisch bereits umgesetzt wurde. Wie hat der Hodscha-Efendi das gesagt, aus welcher Quelle sprach er? Wie hat Meister Bediüzzamān das gesagt, warum hat er es so gesagt und nicht anders? Tatsächlich setzt man das bereits Gelebte um. Und das hat – wie Bruder Ahmet betont hat – seine Vorgeschichte in der Vergangenheit, im Qur’ān, in der Sunna und bei den Ehrenwerten Altvorderen und erstreckt sich bis in die Gegenwart. Diese Vorgeschichte umfasst auch Kriege, Massaker, Gefangenschaften, Länder unter Besatzung wie heute. Dem entgegengesetzt gibt es Befreiungskriege und unweigerlich treten in solchen Zeiten bestimmte Auslegungen in den Vordergrund. Wenn dieser Prozess weitergeht, beginnen diese Auslegungen auch dauerhaft zu werden. Die im Kern vorhandenen, auf Barmherzigkeit beruhenden Auslegungen geraten durch die Einflüsse historischer Ereignisse etwas in den Hintergrund. Genau dann kommt – wie Herr Alp angemerkt hat – die Frage: „Ja, wir sehen dies in eurem Leben, aber bei anderen Muslimen sehen wir anderes. Welcher Islam ist euer Islam?“ Unser Islam ist der Weg, auf dem von den Gefährten an über die sunnitische Tradition, die Ehrenwerten Altvorderen, bis zu den großen Gelehrten – alle, einer nach dem anderen – ihre Unterschrift gesetzt haben.
Wir kommen also eher von der Seite des praktischen Beweises im Leben eines Menschen, also von dem gelebten und bewiesenen, zurück zu den Quellen. Und was ist der Beweis? Dass man es aus den Quellen nachweist. Genau deshalb wurde diese Quellenarbeit so dringend notwendig. Als AfSV es veröffentlichte, haben wir als WISE-Institut – da wir uns ohnehin mit islamischen Wissenschaften beschäftigen – diese Aufgabe übernommen. Gemeinsam mit Theologen haben wir uns hingesetzt und jeden einzelnen dieser Werte mit den Quellen verglichen, aus der Perspektive des Meisters Bediuzzaman und des Hodscha-Efendi. Welche Angelegenheit wurde in welcher Quelle, wie ausgelegt? Gibt es in der islamischen Welt der letzten 1400 oder 1500 Jahre ähnliche Auslegungen? Ist es wirklich neu entstanden? Nein, so ist es nicht. Das war immer schon in den Quellen vorhanden. Und wer waren die die Quellen ausgelegt haben? Wenn man zum Beispiel auf Imām Aʿẓam schaut, das werden die Leser sehen – wird man denselben Gedanken bei ihm finden. Man sieht es bei Imām Ghazālī, man sieht es bei Ibn Rushd.
Wenn man nun die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder die Dinge betrachtet, die die moderne Welt hervorgebracht hat – haben wir das etwa daraus entnommen? Nein. Man sieht zum Beispiel, dass Imām Aʿẓam eine Frage, die auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, so betont hat. Oder Ibn Rushd hat sie so betont, man sieht das und ja, das gab es bei uns schon längst. Menschen wie Meister Bediüzzamān und Hodscha-Efendi haben de, entsprechend gelebt und uns gezeigt, wie wirksam dieses Leben ist. Nun gehen wir von diesem Ergebnis zurück zu den Quellen und sagen: Seht, genau das kommt aus diesen Quellen.
Kemal Gülen: Nun, Bruder Alp hat gesagt, dass es in der westlichen Welt eine Erwartung gibt. Man fragt: „Was sind eure Quellen?“ Aber was ist die Entsprechung in der islamischen Welt, in der islamischen Geografie? Denn es gibt verschiedene Gemeinschaften, verschiedene Dienstgruppen. Wie Sie gerade sagten: Könnte man sie dadurch in Bewegung setzen? Könnte man ihre Auslegungen verändern? Könnte diese Arbeit ihnen einen Beitrag leisten?
Hamdullah Öztürk: Die Neugier der Menschen im Westen zeigt sich, wenn man ihnen begegnet. Sie haben ein Bild vom Islam, ein Bild vom Muslim, und dann sehen sie euch und sind neugierig, fragen natürlich. Zum Beispiel sagen wir ja „islamische Geografie“, die islamische Welt. Wenn man nun in diese islamische Welt geht oder wenn sie zu uns kommt – es kamen so viele Gruppen, ich arbeitete damals in der Zeitung, und eine der Institutionen, die diese Menschen besuchten, war auch die Zeitung. Wenn sie kamen, stellten sie dieselben Fragen wie die Menschen im Westen, sie waren neugierig. Vielleicht trägt dazu auch bei, dass man in der Türkei lebt, also geografisch in der Türkei ist. Auch diejenigen die aus der arabischen Welt, aus der islamischen Welt kamen stellten diese Fragen: „Woher kommt ihr? Wie kommt ihr zu solchen Auslegungen?“ Aber diese Auslegungen sind – Allah hat es gefügt – im Hizmet hervorgetreten. Und das liegt daran, dass Menschen wie Hodscha-Efendi und Meister Bediuzzaman etwas gelebt und persönlich vorlebend bestätigt haben und uns dies eröffnet haben. Wir hören keine Theorie, keine Geschichten, keine Fantasien. Wir sehen gelebte, erprobte Angelegenheiten und arbeiten an ihnen. Deshalb kam auch aus der islamischen Welt solches Interesse.
Können sie wirksam sein? Wir sehen: Ja, auf einige islamische Gelehrte, die mit uns in Kontakt blieben, hat es gewirkt. So Gott will wird es, wenn es noch besser vertreten wird, noch wirksamer sein.
Hamdullah Öztürk, Islamischer Theologe und Schriftsteller
Kemal Gülen: Arhan Kardaş wollte eigentlich dankenswerterweise aus Deutschland hierherkommen, um das Ganze zu unterstützen, konnte aber wegen seiner Erkrankung nicht erscheinen. Er hat uns eine Videobotschaft geschickt. Darin hat er mit uns geteilt, wie dieses Thema in Europa, in der westlichen Welt, Anklang findet. Versuchen wir nun, unseren Lehrer Arhan zuzuschalten?
Arhan Kardaş: Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe junge Menschen, geschätzte Gäste, verehrte Anwesende. Es tut mir wirklich leid, dass ich aufgrund einer Erkrankung nicht an diesem Panel teilnehmen kann. Auch wenn es weit über meinen Möglichkeiten liegt, hat es mich geehrt, wenigstens mit dieser Videobotschaft dabei zu sein.
Ich halte diese Arbeit, die von einem geschätzten Gremium erarbeitet wurde und die religiösen Grundlagen der Werte des Hizmet erläuterte, für ein außerordentlich wichtiges Werk. Man könnte sogar sagen, dass es eine Arbeit ist, die besonders von Europa und den aufgeklärten Köpfen Europas mit Nachdruck erwartet worden ist. Um die Bedeutung dieses Bedarfs zu unterstreichen, möchte ich zwei kleine Anekdoten weitergeben.
Vor etwa 15 Jahren, als ich mit meiner Promotion über Menschen- und Frauenrechte begann, wurde mir eine ganz offen die folgende Frage gestellt: “Das, was mich bei ihrer Arbeit am meisten beschäftigt, ist: Bietet der Islam überhaupt einen Gehalt an Rechten, der die Begriffe der Grundrechte und Freiheiten umfasst? Oder sind das Recht auf Leben, die Unantastbarkeit der Menschenwürde, das Eigentumsrecht und andere Grundrechte und Freiheiten nur ein Privileg, das allein Muslimen vorbehalten ist? In meinen Studien bin ich zu dem Eindruck gekommen, dass die zweite Möglichkeit überwiegt.“
Am Ende der zehnjährigen Forschungsarbeit zeigte sich jedoch genau das Gegenteil: Denn sowohl der Qur’ān als auch die Sunna und auch unsere Gelehrten sowie die Tradition des Idschtiḥād waren sich einig, dass Menschen nicht deswegen, weil sie Muslime sind, sondern weil sie Menschen sind, Träger von Menschenrechten sind. Deshalb ist es eine der mit größter Spannung erwarteten Fragen, solche Themen auch auf einer wissenschaftlichen Plattform zu diskutieren.
Ein weiterer Punkt: Im vergangenen Ramadan griff einer der ehemaligen Minister Deutschlands die Verfassung und die darin enthaltenen ersten 20 Artikel mit den Grundrechten und Grundfreiheiten auf und stellte die folgende Frage: “Wie betrachtet die Religion des Islams diese grundlegenden Prinzipien?”
Die religiösen Grundlagen und Quellen der Grundwerte der Hizmet-Bewegung haben viele der an uns gestellten Fragen beantwortet und auch gezeigt, dass das Islāmische keineswegs im Widerspruch zum Menschlichen steht, sondern im Gegenteil: Das Islāmische bereichert das Menschliche, indem es ihm zusätzliche Tiefendimensionen hinzufügt.
Auch deshalb halte ich diese Arbeit für sehr wichtig. Ich denke, dass es einer der bedeutendsten Schritte für ein richtiges Verständnis des Islams in Europa ist, dass die Grundlagen von Prinzipien wie Respekt vor dem Menschen, Respekt vor den Menschenrechten, Respekt vor dem Recht, positives Handeln, Friedfertigkeit dargelegt werden.
Ich betrachte diese bescheidene Arbeit als einen Anfang und denke, dass die Fortsetzung und Vertiefung der Arbeiten in dieser Richtung sowie die Verinnerlichung und gelebte Umsetzung dieser Werte durch die ganze Menschheit unverzichtbare Elemente für eine friedlichere Welt sind. Ich glaube, dass der Weg zu universellem Frieden und zu einer liebevollen Welt genau hierdurch führt.
Ich danke allen – insbesondere unseren verehrten Lehrern, unseren Älteren, unseren Jugendlichen, besonders auch den Freunden im Gremium, unseren Brüdern und Schwestern – und erkläre in aller Dankbarkeit, dass ich es als großes Glück empfinde, dass auch die Islamische Akademie für Bildung und Gesellschaft (ABG) zu dieser wichtigen Arbeit beigetragen hat.
Ich wünsche erfolgreiche Paneltage.
Arhan Kardaş, Jurist, Theologe und Schriftsteller
Kemal Gülen: Werte Frau Dozentin Emine Eroğlu, nun zu ihnen. Welche Punkte in dieser Arbeit haben Ihre Aufmerksamkeit am meisten auf sich gezogen? Wie haben Sie selbst dazu beigetragen? Welchen Beitrag hatte die Lehre des Hodscha-Efendi zu dieser Arbeit? Und natürlich – wie Bruder Hamdullah eben sagte – wurde das Ganze aus der Perspektive der Risale-i Nur und des Hodscha-Efendi betrachtet. Was denken Sie, welchen Beitrag hat die Perspektive der Risale-i Nur zu diesen Arbeiten geleistet?
Emine Eroğlu: Auch ich möchte zunächst alle Freunde und Geschwister, die an diesem Programm teilnehmen, herzlich grüßen. Vor allem möchte ich sagen, dass ich den Bericht sehr geschätzt und ihn sehr gelungen fand. Auch aus der Sicht einer Verlegerin muss ich sagen, dass ich ihn für sehr gelungen halte.
Im Bericht habe ich folgendes gesehen: Für die grundlegenden Quellen des Islams ist eine so lange, so mühevolle Arbeit geleistet worden – möge Allah allen, die daran gearbeitet haben, vergelten. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, zu prüfen, wie sehr wir eigentlich mit diesen Quellen vertraut sind. Denn wenn Hodscha-Efendi uns Wahrheiten vermittelt, tut er das stets fundiert. Immer mit den Quellen des Qur’ān, immer mit den Quellen der Sunna, immer mit den Quellen der Altvorderen. Ich bin keine Theologin, aber als ich den Bericht las und diese heiligen Quellen darin sah, wurde mir bewusst, wie vertraut sie mir eigentlich sind. Das erschien mir wie ein Beweis dafür, wie sehr wir diese Quellen tatsächlich verinnerlicht haben. Ich denke, das gilt für uns alle – auch für Sie – wenn man diese heiligen Quellen sieht.
Im Allgemeinen gibt es darin auch eine besondere Fokussierung auf das Thema der Frau, auf das Hodscha-Efendi ja besonders hingewiesen hat: nämlich das Problem, dass Tradition und historisches Erbe für Religion gehalten werden. Das gilt eigentlich für alle Punkte, aber wenn es um das Thema der Frau geht, tritt es besonders hervor. Dass historisches Erbe für Religion gehalten wird, dass Vorurteile durch Tradition verstärkt werden, und dass diese Vorurteile durch Brauchtum und Sitte – wie Hodscha-Efendi es nannte: „Traditions-Muslimentum“ oder „Gewohnheit-Muslimentum“ – verfestigt werden, bis sie den Platz der Religion einnehmen. Das trifft meiner Meinung nach am stärksten auf die Frauenfrage zu. Denn wenn man die Stellung der Frau im sozialen Leben in der islamischen Welt betrachtet, so kommen die lautesten Hilferufe, die größten Alarmrufe genau von dort. Deshalb wurde dieses Thema auch in den Bericht aufgenommen. Es hätte zwar unter Menschenrechte fallen können, aber ich denke, es wurde aus einem besonderen Grund eigens behandelt. Und wenn es um die Frau geht, dann ist meines Erachtens der Beitrag des Hizmet in dieser Frage ein sehr sichtbarer und hervorzuhebender Beitrag.
Hodscha-Efendi zeigt die Bildung als einen Ausweg auf und benennt vor allem das Problem: dass der Raum der Frau extrem eingeschränkt worden ist. Er hebt hervor, dass dieser Raum wieder erweitert werden muss und dass bei dieser Erweiterung unbedingt den grundlegenden Quellen der Religion gefolgt werden muss. In dieser Hinsicht stellt der Hizmet, wie in allen Fragen, ein Modell dar.
Unser Meister Bediüzzamān hat ein sehr wichtiges Konzept: Er spricht von dem „Aufrütteln des Verstandes“. Auch hat Hodscha-Efendi unter diesem Titel einen Artikel geschrieben. Bediüzzamān sagte, dass der Verstand aufgerüttelt werden müsse. Denn auf den klaren Quellen des Islams haben sich viele Schichten abgelagert. Auch in unseren Köpfen gibt es Verunreinigungen und Verwirrungen; es gibt eine Ersetzung von Kultur anstelle von Religion. Um dies zu reinigen, braucht es ein Aufrütteln des Verstandes. Ich denke, dieser Bericht leistet gerade in diesem Punkt einen sehr wichtigen Beitrag. Denn in unseren Köpfen ist ja auch eine Ganzheitlichkeit dieser Begriffe vorhanden.
Eines der wichtigsten Dinge, die Hodscha-Efendi uns gelehrt hat, ist, die Wahrheit ganzheitlich zu betrachten, nicht bruchstückhaft. So sind die Frauenrechte zugleich ein Thema der Moral, zugleich aber auch ein Thema der Menschenrechte, zugleich ein Thema der Menschenwürde. All diese Begriffe sind miteinander verflochten, und wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet, erkennt man Folgendes: Es tritt ein Profil des Hizmet zutage, eine kollektive Persönlichkeit. Wir sprechen ja immer vom „schahs-i manevī“ – der kollektiven Persönlichkeit. Dieser Bericht macht diese kollektive Persönlichkeit des Hizmet sichtbar, indem er sie in Worte und Prinzipien fasst. Man kann vom Bericht zum Hizmet und vom Hizmet zum Bericht eine Verbindung ziehen.
Das Schönste dabei ist meiner Meinung nach Folgendes: Wenn wir in den Bericht schauen, ist es nicht so, dass er sagt: „Diese Dinge müsst ihr tun, diese Dinge müsst ihr leben.“ Sondern: Hizmet und die Hizmet-Leute leben und tun diese Dinge ohnehin schon. Sie sind hier lediglich niedergeschrieben und in Worte gefasst worden, sie haben in Sprache eine Gestalt gefunden.
Hodscha-Efendi hat einen sehr wichtigen Ansatz, der auch in diesem Bericht seinen Platz gefunden hat: Er sagt uns, dass der größte Mangel der islamischen Welt nicht der Reichtum ist, nicht die Technologie, nicht die Wissenschaft ist. Der größte Mangel der islamischen Welt ist in Wahrheit die Sichtbarkeit einer muslimischen Identität in ihrer moralischen Dimension. Eine Identität, die, wenn man sie sieht, an Allah erinnert.
Es gibt ein Gedicht des Hodscha-Efendi über den Meister, das Sie alle kennen:
Es erschien ein Reiter auf einem Schimmel;
Haupt und Augen von Stahl (angesichts des weiten Himmel),
die Augen verschleiert, feucht,
mit Flügeln wie eine Turteltaube – leicht.“
Dieser, der ungestüm heranstürmt, der wie eine Taube mit Flügeln aufschwingt, dieser Held – seine wesentliche Eigenschaft ist, dass man sich beim Anblick seiner Person an Allah erinnert wird. Man weiß: In seinem Antlitz liegt keine Lüge; keine Lüget in seinem Gesicht“. Genau so ein Antlitz, genau so eine Identität, sagt Hodscha-Efendi, brauchen wir. Deshalb gilt dies nicht nur in Bezug auf die Frau, sondern ganz allgemein in Bezug auf den Menschen.
Und noch etwas möchte ich hinzufügen, bevor ich das Wort zurückgebe, verehrter Lehrer. Unser Meister stellt ständig eine Verbindung zwischen den die Natur verkündenden Versen und den die Normen setzenden Versen her. Er führt den einen Faden des Stickmusters zu den normensetzenden Versen und den anderen zu den Natur verkündenden Versen.
Unsere verehrten Lehrer hier haben auf die Beziehung zwischen der menschlichen Natur und dem Bericht hingewiesen. Diese Beziehung zwischen der menschlichen Natur und dem Bericht stellt in gewisser Weise auch eine Beziehung zwischen der Natur verkündenden Versen und dem Bericht her. Meister Bediüzzamān sagte: „Agiere, ohne dich an den Mühlen des Universums aufzuhalten.“ Genau das ist es, was uns die Religion schenkt. Wenn wir unter „Islām“ nur verstehen, dass wir beten und fasten, dann verstehen wir ihn unvollständig. Und wie sehr wir ihn tatsächlich leben, messen wir daran, ob wir “agieren können, ohne uns an den Mühlen des Universums aufzuhalten”. Dieser Bericht erschien mir wie eine Verkörperung genau dessen: wie die Hizmet-Bewegung agiert, ohne sich an diesen Mühlen aufzuhalten. Dafür möchte ich allen danken, die an dieser Arbeit beteiligt waren.
Kemal Gülen: Wir danken auch Ihnen, verehrte Frau Lehrerin. Das war eine außerordentlich schöne Erläuterung.
Emine Eroğlu , Denkerin und Autorin
Mitwirkende Institutionen:
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In den USA ansässige Organisation und als Stimme für die
zivilgesellschaftliche Leistungen der Hizmet agierende Alliance for Shared Values (AfSV)

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