Home Aktuelles In Paul Wellers Spiegel: Die Zukunft der Hizmet

In Paul Wellers Spiegel: Die Zukunft der Hizmet

by Admin
4 Minuten

Ahmet Kurucan | Kommentar
Originaltext unter: Paul Weller’in aynasında Hizmet’in geleceği… – TR724

“Das Fazit der Konferenz zeigt, dass die Hizmet-Bewegung nicht nur eine religiöse oder bildungsorientierte Initiative ist, sondern einen dynamischen, inklusiven und methodischen Ansatz für globalen Frieden und gesellschaftlichen Wandel bietet.”

Mit diesem Satz fasst Adem Yavuz Aslan seinen Bericht über die Konferenz “Fethullah Gülens Denken und Praxis: Bildung, Dialog, Friedensaufbau und Identitätsbildung” (Anmerkung des Übersetzers: orig: Fethullah Gülen’s Thought and Practice: Education, Dialogue, Peacebuilding, and Identity Formation) auf TR724 treffend zusammen.

Auch ich habe die Veranstaltung zwei Tage lang verfolgt. Eine ausführliche Analyse ist nicht nötig – Aslans Text deckt das Wesentliche bereits ab. Doch der Vortrag von Prof. Paul Weller verdient besondere Aufmerksamkeit. Seine Ausführungen verbanden akademische Präzision mit einem zukunftsgerichteten, konstruktiven Blick auf die Bewegung.

Paul Weller, ein christlicher Religionswissenschaftler, blickt scheinbar “von außen” auf Hizmet und Gülen – doch seine Analyse verrät ein tiefes inneres Verständnis. Zwei veröffentlichte Bücher und weitere laufende Arbeiten zu diesem Thema geben ihm einen außergewöhnlich reflektierten Zugang.

Im Mittelpunkt seines Beitrags stand die Frage: Wie kann das Erbe Fethullah Gülens zum Aufbau eines inklusiveren Wir im Europa des 21. Jahrhunderts beitragen? Seine Antworten reichten weit über den europäischen Kontext hinaus – sie waren auch eine Orientierung für die weltweite Hizmet-Gesellschaft.

Nach Weller besteht eine der größten Herausforderungen für Muslime in Europa darin, wie sie auf gesellschaftliche Entfremdungsprozesse reagieren. Am Beispiel Großbritanniens und Deutschlands zeigte er, dass Muslime oft unbewusst Haltungen einnehmen, die diese Entfremdung noch verstärken. Sein Befund:

“Anstatt sich wirklich weiterzuentwickeln, verfallen viele in reaktive Radikalisierung; statt offener Interaktion ziehen sie sich in Isolation zurück; statt gesunder Selbstgewissheit entstehen Ängste; statt kreativer Dynamik herrscht traditionelle Starre; und anstelle einer selbstkritischen Auseinandersetzung überwiegt nostalgischer Idealismus.”

Weller formuliert damit in wissenschaftlicher Sprache, was Fethullah Gülen seit Jahren betont: “Wir müssen unser Verständnis des Islams überdenken.” Gülen sah darin keinen Bruch mit der Tradition, sondern eine Notwendigkeit, den Glauben in der Sprache und im Geist der Gegenwart neu zu interpretieren.

Genau hier setzt Weller an. Der Schlüssel zur Erneuerung muslimischer Identität, so seine These, liege darin, den Islam nicht in historischen Formen zu erstarren zu lassen, sondern ihn mit dem Denken der Zeit neu zu begreifen – bei gleichzeitiger Wahrung der unverrückbaren Prinzipien. Gülen nannte dies das Bewusstsein, “Kinder ihrer Zeit” zu sein.

Ein weiterer Schwerpunkt Wellers war die Phase nach 2016 und ihre Folgen für Gülen und die Bewegung. Er sprach von einer “doppelten Traumatisierung” – einerseits durch die systematische Zerstörung des öffentlichen Bildes in der Türkei, andererseits durch die innere seelische Erschöpfung vieler Angehörige. Doch für Weller ist das kein Grund zur Resignation. Im Gegenteil: Er sieht darin die Chance einer Transformation – von einer national geprägten Bewegung zu einem globalen, zivilgesellschaftlichen und spirituellen Netzwerk.

Ich teile diese Sicht. Denn diese erzwungene Öffnung bedeutet nicht nur eine geografische, sondern auch eine geistige Neuverortung. Der Weg dorthin ist schmerzhaft, zweifellos. Aber wenn die Chancen genutzt werden, kann daraus ein Reifungsprozess entstehen, der Hizmet universeller, reflektierter und zukunftsfähiger macht.

Besonders betonte Weller, dass Gülens Erbe nicht in der Wiederholung alter Strukturen oder in Personenkult bestehe, sondern in der Weitergabe seiner Methodik. Gülens Botschaft lautete: “Nehmt die Botschaft an, aber entwickelt sie weiter. Das ist nicht meine, sondern eure Aufgabe.” Das heißt: nicht Bewahrung um der Bewahrung willen, sondern schöpferische Fortführung einer Denkhaltung. In den Worten von Özcan Keleş, die Weller zitierte: “Es ist ein Unterschied, ob man die Methode eines Lehrers verinnerlicht oder ein zeitlich begrenztes Produkt seiner Gedanken wiederholt.” Dieser Unterschied markiert den Übergang von statischer Loyalität zu lebendigem Denken.

Im Schlussteil fasste Weller die hermeneutischen Schlüssel Gülens in zwei Begriffen zusammen: Liebe und Mensch. Der Satz “Im Herzen des Islams steht die Liebe” sei keine bloße Beobachtung oder moralische Empfehlung, sondern eine methodische Leitlinie: Liebe in Handlung zu übersetzen und sie im gesellschaftlichen Leben konkret werden zu lassen. Genau das ist – und sollte – das Ziel der Hizmet sein.

Am Ende richtete Weller einen Appell an die Angehörigen der Bewegung: Sie sollten Gülens Erbe nicht als unveränderliche Lehre verstehen, sondern als lebendigen Prozess. Seine Botschaft lautete sinngemäß: Seid keine Erben, die nur wiederholen, sondern Gestalter, die unter neuen Bedingungen weiterdenken und aufbauen.
Kann man dem widersprechen? Das Erbe Fethullah Gülens darf nicht in der Erinnerung an die Vergangenheit erstarren, sondern muss im Gewissen der Gegenwart und in der Hoffnung der Zukunft weiterleben. Eine Bewegung, die mit Liebe begann und sich am Menschen vertiefte, endet nicht mit dem Tod ihres Gründers – sie wird jeden Tag neu geboren, getragen vom Engagement ihrer Anhänger.

Mein Dank gilt allen, die zur Konferenz “Fethullah Gülens Denken und Praxis: Bildung, Dialog, Friedensaufbau und Identitätsbildung” beigetragen haben, insbesondere der Respect Graduate School und dem Peace Islands Institute.