Heute durfte ich als Gast am Gottesdienst zum 150-jährigen Jubiläum der Evangelischen Kirche St. Johannes in Wien teilnehmen. Für mich als Muslim war es das erste Mal, einen evangelischen Gottesdienst so unmittelbar mitzuerleben.
Ehrlich gesagt hat mich dieser Gottesdienst sehr beeindruckt und berührt.
Dabei ist mir etwas besonders aufgefallen, das ich gerne mit anderen teilen möchte.
Als Menschen tragen wir leider oft Vorurteile gegenüber anderen Religionen, Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen in uns. Solche Vorurteile können zu Ausgrenzung, Konflikten und manchmal sogar zu Kriegen führen. Wenn wir auf die Geschichte der Menschheit zurückblicken, finden wir dafür leider unzählige Beispiele.
Aber ich möchte dieses Thema heute nicht vertiefen. Viel wichtiger ist für mich, was wir daraus für unsere gemeinsame Zukunft lernen können.
Vielleicht hatte auch ich einige Vorurteile gegenüber dem Christentum, bevor ich nach Österreich gekommen bin. Heute habe ich jedoch gemerkt, dass manche meiner Vorstellungen einfach nicht der Realität entsprachen.
Früher dachte ich beispielsweise, dass ein christlicher Gottesdienst hauptsächlich aus Gesang und bestimmten Ritualen besteht. Heute durfte ich persönlich erfahren, dass dahinter viel mehr steckt.
Ja, die Gläubigen singen gemeinsam. Aber sie beten auch gemeinsam zu Gott – zu Gott, den wir Muslime Allah nennen. Sie sprechen wertvolle Worte und Wünsche aus, beten für die Menschen, für unsere gemeinsame Zukunft und für eine friedliche Welt. Ich habe dabei sehr viel Hoffnung, Aufrichtigkeit und Herzlichkeit gespürt.
Besonders beeindruckt hat mich auch die Botschaft des Herrn Erzbischofs. Er hat uns dazu aufgerufen, unabhängig davon, welcher Religion oder Kultur wir angehören, zumindest zu versuchen, miteinander und füreinander zu leben.
Ein Gedanke von ihm ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Das Wort „Mensch“ hat sprachlich mit „Humus“, also mit Erde, zu tun – und letztlich kehren wir alle zur Erde zurück.
Für mich steckt darin eine sehr schöne Botschaft: Wir sind alle Menschen. Wir sind alle Geschöpfe Gottes. Und deshalb verbindet uns viel mehr, als uns voneinander trennt.
Diese Verantwortung betrifft nicht nur unsere Mitmenschen. Wir sollten auch die Tiere, die Pflanzen, die Berge, unsere Luft und unsere gesamte Umwelt schützen und respektieren. Denn auch sie sind Teil dieser Schöpfung, die uns allen gemeinsam anvertraut wurde.
Deshalb möchte ich zum Schluss sagen:
Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam eine schöne und friedliche Zukunft aufbauen und lernen, miteinander und füreinander zu leben.
Unsere Welt ist eigentlich groß und reich genug für uns alle. Was uns fehlt, ist nicht unbedingt mehr Raum, sondern mehr Verständnis, mehr gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, miteinander zu teilen.
Wir müssen zusammenkommen, einander zuhören und uns ohne Vorurteile begegnen.
Denn wenn wir lernen, trotz unserer unterschiedlichen Religionen, Kulturen und Lebensweisen respektvoll miteinander zu leben, können wir unseren Kindern eine bessere Zukunft hinterlassen.
Möge Gott uns allen den Weg zu mehr Frieden, Menschlichkeit, gegenseitigem Respekt und Zusammenhalt zeigen.

-Ömer YILMAZ Päd. BA
Obmann Phönix in Niederösterreich Bildung, Dialog